Erfahrungsberichte 2007

IJP-Jahrgang 2007
IJP-Jahrgang 2007

Christian Putsch

Christian Putsch, Welt am Sonntag
Christian Putsch, Welt am Sonntag

Bericht IJP-Stipendium 2007, Christian Putsch

Kapstadt, den 30. September 2007

Der erste Satz ist immer der schwerste. Als ich vor ein paar Jahren mit dem Schreiben begonnen habe, habe ich das ziemlich schnell begriffen. Wenn es aber darum geht, zehn Wochen Südafrika und Simbabwe in Worte zu fassen wird diese Gemeinheit umso wahrer.

Vielleicht funktioniert es so: Ich habe in meinem Leben keine Zeit erlebt, die mich mehr bewegt hat. 

Schon bei der Einführungswoche in Berlin hat sich aus den sechs Afrikanern und uns vier Deutschen ein Team geformt, das sich bei den Recherchen und der Orientierung in einem fremden Land unglaublich unterstützt hat – sei es mit der Berichterstattung zum Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm, mit Kontakten, mit kleinen Übersetzungen undsoweiter. Innerhalb dieser Woche sind Freundschaften entstanden. Es ist toll Menschen zu treffen, die über sich selbst lachen können: Wir Deutschen über unsere Tanzkünste (wir waren im direkten Vergleich chancenlos – auch Marco, sorry J), die Afrikaner über ihr manchmal innovativ flexibles Zeitmanagement.

Das Großartige an dieser Woche war, dass Südafrika nicht mehr wie ein fremdes Land wirkte, als ich mich Anfang Juli auf den Weg nach Kapstadt gemacht habe. Die afrikanischen Teilnehmer: A’Eysha Kassiem von der Zeitung „Cape Times“ vermittelte mir viele Kontakte, so wie ich das auch in Deutschland für sie gemacht hat. Das Gleiche hat übrigens auch auf sensationelle Weise Kai Feldhaus von der Bild-Zeitung gemacht, der im vergangenen Jahr an dem IJP-Programm teilgenommen hat. Ich habe noch nie ein Netzwerk erlebt, das so gut funktioniert wie das der IJP. Bei einigen Geschichten haben die zweite Kapstädter IJP-Teilnehmerin Christiane Winje und ich sogar ein Team gebildet.

Unheimlich wichtig waren diese Netzwerke, als ich mit dem IJP-Stipendiaten Columbus Mavhunga eine Woche lang Simbabwe bereist habe. Er leistet in Mugabes Reich, de facto eine Diktatur, als regimekritischer Journalist eine nicht hoch genug zu bewertende Arbeit. Columbus hat mir ermöglich, die Krise, aber auch die Herzlichkeit seiner Landsleute zu erleben. Eine Woche lang hat er mir Kontakte zu Menschen organisiert, die sich Mugabe in den Weg stellen. Für die Schwierigkeiten, in Simbabwe an Informationen zu kommen, gibt es in Europa keinen Vergleich – wie groß dieses Glück ist, wurde mir erst dort in aller Deutlichkeit bewusst. Gleichzeitig hatten wir wunderschöne Stunden bei einem Ausflug mit seiner Frau Linda und Tochter Tatjana. Es ist unmöglich, über IJP allein aus journalistischer Sicht zu reden – es geht auch um Freundschaften.

Vor ein paar Tagen habe ich die Telefonnummern und Email-Adressen von Menschen in mein Verzeichnis geschrieben, die ich in Afrika kennen gelernt habe. Es waren über 40: südafrikanische Journalisten und Fotografen, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Nationalspieler, Pressesprecher - aber auch die Handynummer von Anhaltern, die ich bei einer Reise im Auto mitgenommen habe. Die Menschen, die ich während der Recherchen getroffen habe, waren unglaublich offen und freundlich. Es ist mir öfters passiert, dass mich Kapstädter zu Treffen mit ihren Freunden eingeladen haben, wenn sie gehört haben, dass ich dort nicht viele Menschen kenne. Dank gilt in diesem Sinne auch der „Cape Times“, vor allem dem Chef vom Dienst Tony Weaver, der mich immer wieder mit Kontakten und Ratschlägen versorgt hat.

Noch aus einem anderen Grund kann ich dem IJP nicht genug danken: Es gibt für junge Journalisten leider immer weniger Möglichkeiten, für eine längere Zeit aus dem Ausland zu berichten. Das trifft auch auf meinen Arbeitgeber zu, der seinen Auslandsdienst leider fast vollständig abgebaut hat. Ich finde das sehr bedauerlich, weil sich durch die fehlende Auslandserfahrung auch die Perspektive bei der heimischen Berichterstattung verengt. Umso mehr Dank gilt dem IJP-Programm: Für drei Monate wie ein eigenständiger Korrespondent zu denken und zu arbeiten war eine sensationelle Erfahrung.

Das gilt umso mehr, weil der WM-Gastgeber Südafrika aus journalistischer Sicht fast unvergleichbar interessant ist. Ein Land, in dem Dich die meisten Menschen mit ihrer Herzlichkeit überwältigen, andere aber schon für ein altes Handy morden. Ein Land mit hervorragendem Wirtschaftswachstum, aber noch immer Millionen leidender Menschen in den Townships. Ein Land mit der modernsten Infrastruktur Afrikas, aber einer Gesundheitsministerin, die Zitronensaft zur HIV-Verhütung empfiehlt.

Die Zeit hier hinterlässt mich mit Tausend Gedanken im Kopf – einer davon ist ganz hinten und klein. Mehr ein Traum, als eine Hoffnung. Die Verlage senden endlich mehr Korrespondenten nach Südafrika, ein wichtiger Verlagsmensch kommt auf mich zu und sagt: „Herr Putsch, wollen Sie nicht…?“

Christian Putsch
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